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  • sonjaschenkel10

Dasselbe Boot - Verschiedene Passagiere

Aktualisiert: 28. Juli 2023

Edition 1 -Lebensstil und Lebensgefühl der Zukunft

– Rückblick des Bibliothekar der Fragen / März 2023


Die bisher gesammelten Beiträge der Bibliothek, so wie auch die zahlreichen Veranstaltungen, zeigen hierbei ein klares Bild. Viele von uns sind bereit auf gewisse Dinge zu verzichten, neues dazu zu lernen und unser Verhalten zu ändern, weil wir in diesem Prozess der Transformation auch vieles dazu gewinnen: eine tiefere Verbindung mit der Natur, ein bewussteres Leben, Glück auch im Kleinen, Lokalen, um nur einige Punkte zu nennen. Hier am Beispiel des Fischens.


Photo Ravi Agarwal, These Seasons: The Sea of New Sands, 2023. Digital image. Courtesy the artist.


Vielleicht finden wir das Glück einer möglichen Zukunft auch in einem Teller Fischsuppe. Mit Freunden geteilt, an einem lauen Sommerabend auf einer Zürcher Dachterrasse.


Fischsuppe

Zutaten für 10 Personen:

· 1 kg Weißfisch, z.B. Rotaugen, Güster, Brachsen, Barben, Döbel, Karauschen usw.)

· 2 große Zwiebeln

· 1 Bund Suppengrün

· 500 g Kartoffeln

· 350 g Tomaten

· 3 Knoblauchzehen

· 6 EL Öl

· Salz

· Pfeffer

· Lorbeerblatt

· 1 Bund Petersilie

· etwas Zitronen- und Orangenschale

· Streugewürz

· 1 g Safran

· 1 l Fischbrühe

· Weißwein

· Meterbrot


Zubereitung: Den Fisch enthäuten und entgräten. Zwiebeln würfeln und Suppengrün in Streifen schneiden. Kartoffeln schälen und in Scheiben schneiden. Tomaten brühen, abziehen und vierteln. Die Zwiebeln und zerdrückte Knoblauchzehe in Öl andünsten. Vom Suppengrün, Wurzeln und Sellerie zugeben, kurz andünsten. Kartoffeln und Tomaten draufgeben, mit Salz und Pfeffer überstreuen. Die zusammengebundene Petersilie, Lorbeer, Zitrone- und Orangenschale, Salz und Streuwürz, Safran, Brühe und Wein dazugeben. Ca. 10 Minuten köcheln lassen. Den in Portionsstückchen geschnittenen Fisch draufschichten und noch 5 Minuten ziehen lassen


Das Gespräch mit dem Zürcher Berufsfischer Adrian Gerny (https://zueriseefisch.ch) war erhellend und brachte erstaunliches auf den Tisch. Der Beruf ist geprägt von langen Arbeitstagen und hohen Investitionskosten, was das Nachrücken von Nachwuchs im Gewerbe beeinträchtigt. Die gute Nachricht: es ist ein Auskommen möglich, der Fisch aus dem See verkauft sich gut, wobei vor allem die teureren Fische mehrfach verkauft werden könnten.


Die Zukunft gehört dem Weissfisch, der zahlreich vorkommt, aber bearbeitungsintensiv ist.


«Is the sea they sea, the same sea we see” fragte zu Beginn des Gespräches der Indische Künstler Ravi Agarwal (https://www.raviagarwal.com) und meinte die Fischer bei Pondicherry im südlichen Tamil Nadu. Wie prägt ein Arbeitsraum den Blick auf die uns umgebende Natur? Sehen wir den Zürichsee anders, wenn wir wissen, wie man aus Weissfisch eine leckere Suppe kocht?


Hermeneutische Denker wie der kanadische Philosoph Charles Margrave Taylor argumentieren, dass die Moderne ein kulturelles Bewusstsein des Individuums geschaffen hat, das wir uns als "Bewusstseinsinseln" vorstellen können, die im großen Ozean des Lebens schwimmen und uns lediglich zu Besuchenden auf diesem Raumschiff namens Erde machen. Dieses konstruierte Selbstbewusstsein kann als ein "losgelöstes Selbst" verstanden werden, das Gegenteil von dem, was ein Fischer auf dem See oder Meer erlebt.


Wie verwandeln wir uns selbst und die Menschen um uns herum von diesen "Inseln des Bewusstseins" in diejenigen, die ein neues, poetisches und politisches Verständnis der Beziehung zwischen dem Menschlichen und dem Planetaren entwickeln? Was Politik in diesem Rahmen bedeutet ist klar. Ein poetisches Verhältnis lässt anklingen, dass sich zwischen dem Mensch und dem Planeten bzw. dem Menschen als Teil des Planeten etwas wundersames ereignet, das vielleicht nicht als Ganzes in die Sprache von Tabellen und Kostenberechnungen passt und durch den bisherigen Wissensstand gar nicht erfasst, sondern vielmehr gespürt werden kann.


Ich frage mich: Welche Rolle kann dabei eine Bibliothek zur glücklichen Zukunft spielen?


Eine Bibliothek der Zukunft funktioniert wie ein Prisma, das unsere Unwissenheit, unsere Verlorenheit angesichts der planetarischen Fragen, unsere Unfähigkeit, die künstliche Dichotomie, also die Trennwand zwischen Natur und Mensch zu überwinden, in den Mittelpunkt stellt und gleichzeitig Lösungsansätze vorschlägt. Kann unser Denken hier im Westen durch die Integration von Traditionen anderer Wissenswelten, die eine ganzheitliche Sicht der Natur pflegen, an Tiefe gewinnen? Was tun, um „die Natur“ besser zu verstehen? Müssen wir mit einem Boot auf den See, um uns den Fragen der Gegenwart zu stellen? Hilft eine Fischsuppe?


Ein Berufsfischer, der den ganzen Tag auf dem See verbringt, hat ein anderes Verhältnis zur Natur, die ihm sein Auskommen schenkt. Dies muss nicht romantisiert werden. Es geht nicht darum zu einer Unio Mystica zu finden. Der Lebensstil und das Lebensgefühl der Zukunft kann für uns alle dennoch stärker davon geprägt sein, dass wir verstehen, dass uns die Natur mit dem beschenkt, was wir zum Leben brauchen. In diesem Geist des Schenken, muss eben nicht immer Thunfisch Sashimi sein, sondern darf es manchmal eben ein Teller Fischsuppe vom Weissfisch.

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