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In Bewegung bleiben

Aktualisiert: 3. Apr.

- Klimagerechtigkeit, Transformation und Migration als Schlüssel zu einer glücklichen Zukunft Edition 2 - Mobiltät, Reisen und Migration der Zukunft

– Rückblick des Bibliothekar der Fragen, Damian Christinger / Mai 2023


Das Thema der Transformation erweist sich auch als zentral für das zweite Edition der Bibliothek zur glücklichen Zukunft „Mobilität, Reisen und Migration“ (10. März–25. April). Ob beim Veloflickkurs, bei den Workshops zu verschiedenen Möglichkeiten des nachhaltigeren Reisens, oder an der Veranstaltung „Die Stadt neu denken: Wie schaffen wir in Zürich die Verkehrswende‘“ vom 14. April, wurde deutlich, dass auch grosse Transformationsprojekte, wie eine Verkehrswende weg vom Autoverkehr, hin zu einer Stadt, die für Menschen gedacht wird, in naher Zukunft machbar sind.


Einzelne Aspekte wie Verkehrssicherheit, Lärm- und Abgasemissionen, Mobilität für alle Altersgruppen etc. können nicht vereinzelt betrachtet werden; eine glückliche Zukunft liegt in der Integration verschiedenster, teils widersprüchlicher Ausgangslagen. So ist es auch mit den globalen Themen der Migration und Klimagerechtigkeit, die wohl auch Einfluss auf eine Zukunft in Zürich haben werden.


Bei einem Besuch der Ausstellung „Re-Orientations“ im Kunsthaus Zürich betrachte ich das Werk «Ways to Escape one’s Former Country / Patterns & Traces» des Zürcher Künstlerduo Baltensperger + Siepert. Ein willkürlich gekaufter Orientteppich, in den die Routen der Handelswege eingestickt sind, auf denen die exotischen Waren in den Westen gelangten. Sie entsprechen genau jenen auf denen Flüchtende aus Syrien, dem Irak oder Libyen versuchen in die Festung Europa zu gelangen.


Der Dialog zwischen den Objekten, Mustern und Traditionen, den uns die Ausstellung vor Augen führt, harrt seiner Wiederaufnahme im politischen Feld der Migrationspolitik.

In diesem Vakuum zwischen realen Schicksalen und politischer Sprachlosigkeit drängen sich Fragen auf:


Können wir als Zürcher Gemeinschaft, als städtische Gesellschaft in Europa überhaupt angemessen auf die kommenden Migrationswellen reagieren?


Wie gehen Künstler*innen mit dem kollektiven Unvermögen um, Integration als einen wesentlichen Bestandteil von zukünftiger Nachhaltigkeit zu denken?


Wie erzeugen wir aus diesem Unvermögen «Empathie»?


Spiel tatsächlich nur ein Gefühl eine Rolle oder braucht es auch den Intellekt?


Im Gegensatz zum reinen Mitgefühl oder Mitleid, entsteht die Empathie als Zusammenwirken von Emotion und rationaler Reflektion. Sie mischt angeborenem Instinkt mit erlernbarem Verhalten und führt dadurch zu Handlungsweisen, die Kooperation, Solidarität und gemeinschaftlicher Fortschritt erst möglich machen.

Empathische Kräfte wirken nicht nur in Zweierbeziehungen, in einer Gruppe von Gleichgesinnten und Sich-Ähnlichen, sondern können auch auf das Andere oder die vermeintlich Fremden übertragen werden.


Mit diesen Gedanken verlasse ich das Kunsthaus und blicke auf den, zu dieser Tageszeit, leeren Heimplatz.


Die Praxis der Empathie als gemeinschaftliche Kompetenz ist für eine Gesellschaft der Gegenwart essenziell. Insbesondere wenn sie sich mit globaler Migration und globaler demografischen Entwicklungen, so wie den Auswirkungen des Klimawandels aktiv auseinandersetzen will oder muss.


Doch wie erlernen wir Empathie und mit welcher Dringlichkeit? Welcher Beitrag entsteht dadurch für eine um eine positive und menschliche Zukunft ?


Zurück an meinem Schreibtisch schreibe an einem Artikel für das Kunstbulletin, während ich mit diesen Fragen verhandle:



Ishita Chakraborty in the Sunderbands. Courtesy the artist.


«Nachdem die Künstlerin und Poetin Ishita Chakraborty 2018 aus Indien in die Schweiz gezogen war, verbrachte sie viel Zeit damit, Deutschkurse zu besuchen, wo sie andere ImmigrantInnen und Flüchtende traf, ihre Geschichten hörte, ihre Ängste und Sorgen, Hoffnungen und Erwartungen. Nach dieser Erfahrung initiierteChakraborty Workshops, bei denen sich Flüchtende, MigrantInnen und Einheimische treffen, um miteinander zu sprechen, Geschichten zu teilen und gemeinsam Pilzmodelle aus Keramik herzustellen.


Aus diesem Prozess entstand die Arbeit „Europa“, eine Installation von über 2700 Pilzen, hergestellt aus verschiedenen Tonarten und somit in den verschiedensten Farben wie Schwarz, Braun, Weiß, Beige, Pink und Orange, die nun den Boden des Vogesenplatz in Basel bevölkern. Die Poetin stellt sich den Menschen wie einen Pilz vor, unterirdisch miteinander verbunden, einen gemeinsamen Organismus bildend. Die politische Künstlerin verweist auf Konzepte, die sich in den 90er Jahren in der Soziologie etablieren».


Damals waren es Fragen der Identität und Kultur, sowie ihr Bezug zu Machthierarchien in nationalen und globalen Arenen. Nina Glick-Schiller prägte den Begriff des Transmigranten, der oder die vielfältige soziale Beziehungen schaffen und aufrechterhalten, um ihre Herkunfts- und Aufenthaltsgesellschaften miteinander verbinden. Menschen im hier und dort, die sich engen Schemata von kultureller Repräsentation gewandt entziehen. Doch nicht nur sie: Neue technische Möglichkeiten haben unsere Vorstellung von Zeit und die Grenzen unseres Selbst verändert.


Etwas später in diesem Frühling treffen sich Chakraborty, die «Erschafferin der Pilze» und Baltensperger + Siepert, «die Teppichkünstler» in der Bibliothek zur glücklichen Zukunft. Der Regen prasselt ohrenbetäubend auf das Dach. Fast übertönen er die zitierten Modellrechnungen von 600 Millionen Klimaflüchtlingen wegen Dürren, alleine in Indien. Die Zahl macht dennoch bestürzt. Dass Länder, welche einen geringeren Anteil am Klimawandel haben, stärker davon betroffen sind, ist bekannt. Klimagerechtigkeit ist das Stichwort. Doch wie ist es mit der Gerechtigkeit geschweige, denn der Empathie wenn 600 Millionen ein neues zu Hause suchen?


Eine kurze Umfrage in der Runde verdeutlicht: Wir sind alle postmigrantisch, was bedeutet, dass die meisten von uns Kinder oder Kindeskinder von Migranten. Ein Phänomen der Stadt Zürich? Kaum. Nur ging die Bewegung nicht immer in die gleiche Richtung: Die Geschichte verändert sich und folgt dennoch Mustern, so wie Pilze es auch jedes Jahr tun. Jürgen Osterhammel schreibt dazu in „Die Verwandlung der Welt – Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts:


„Im 19. Jh. erfasste Fernmigration den grössten Teil Europas und verschiedene Länder Asiens. Überall war sie ein prägender Gesellschaftlicher Faktor. Ihr Antriebsmotor war der Arbeitskräftebedarf einer expandierenden kapitalistischen Weltwirtschaft. Migration betraf viele Berufe, viele Schichten, Frauen und Männer. Sie verknüpfte materielle und immaterielle Motive. Kein Auswanderergebiet und kein Einwanderungsland blieb unverändert.“


Die Möglichkeiten des Aufbruchs in die Welt, um z.B. in Brasilien, den USA oder Australien eine bessere Existenz aufzubauen, waren besonders auch in der Schweiz verlockend. - Damals noch ein klassisches Auswanderungsland war. Zeugnisse von ausgewanderten Schweizer und Schweizerinnen, in Briefen aus Brasilien oder den USA, ähneln dabei in berührender Weise, den Berichten von Geflüchteten, die Chakraborty in der Schweiz sammelte. Chakraborty versteht Zuhören als Übung des Widerstands und als Werkzeug der Sichtbarmachung.


Denn natürlich ist die postmigrantische Gesellschaft in Europa einerseits eine Realität, andererseits igelt sich der Kontinent systematisch ein, errichtet an seinen Grenzen Stacheldraht bewehrte Zäune und zwingt die Flüchtenden auf die gefährlichen Routen übers Meer. Das Mittelmeer ist zum Friedhof derer geworden, die wir auf dem Altar der vermeintlichen Stabilität opfern.


Dies verdeutlichen zwei Aspekte, die in der öffentlichen Diskussion zum Thema Migration und Globalisierung in Europa kaum auftauchen: Demographie und Digitalisierung. Der globale Norden wird immer älter, der globale Süden ist von einer Jugend geprägt, die Aufbrechen will, ähnlich der Situation im Europa des 19. Jh. Der Glaube aber, dass die verschwindenden Jobs, der globalen Migration geschuldet seien und dass Migration eine Bewegung des Südens gegen den Norden darstellt, verkürzen unsere Diskussionen zum Thema ins rein nationalistische, protektionistische, wir igeln uns ein, anstatt uns zu öffnen.


Die Globalisierung im Anthropozän wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Bedeutungsverlust des Westens und des westlichen Denkens führen, die demographische Entwicklung wird diesen Prozess beschleunigen, die Klimaveränderungen werden ganz neue Formen der Migration erzeugen und die Rolle des Individuums und der Wert der Arbeit wird sich im Fortgang der digitalen Revolution radikal verändern.


Können wir diese Prozesse positiv integrieren? Für eine glückliche Klimazukunft nutzbar machen?


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